Zucker und Fruktan

 

 

In den letzten Jahren ist Fruktan in Verruf gekommen und vielen Pferdebesitzern ist bewusst, dass Fruktan gefährlich sein kann. Es gibt sogar extra Apps, die aufzeigen wann Fruktan hoch ist und wann es niedrig ist.

 

Das ist nicht schlecht, das Problem ist aber dass dabei Zucker völlig vergessen wurde, bzw. Häufig angenommen wird, das der Zucker im Gras Fruktan heisst. Das stimmt nicht. Zucker und Fruktan sind zwar beides Kohlenhydrate, deren Einfluss auf dem Körper ist aber komplett anders.

 

Das wichtigste in Kürze:

  • Fruktan kann in grossen Mengen Darmprobleme verursachen macht aber nicht dick

  • Zucker lässt den Blutzucker ansteigen, verursacht im Übermass Übergewicht, EMS, Insulinresistenz und Hufrehe

  • Fruktan und Zucker können auf unterschiedlichem Weg Hufrehe auslösen

  • Gras das wenig Fruktan hat, kann trotzdem viel Zucker haben

  • Anweiden ist wichtig für das Mikrobiom schützt aber nicht vor zu viel Zucker oder Fruktan

  • Heu kann sehr viel Zucker haben, Fruktan ist im Heu selten ein Problem,  wenn der Zucker moderat ist

 

Kohlenhydrate bestehen aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Die relevantesten Kohlenhydrate in Heu und Gras sind:

  • Zucker (Mono- und Disaccharide, Oligosaccharide, Polysaccharide)

  • Strukturkohlenhydrate (Cellulose, Pektin, Lignin, Hemicellulose)

  • Speicherkohlenhydrate (Stärke, Fruktan)

 

Im Dünndarm können Monosaccharide (Einfachzucker) wie Glucose und Fructose aufgenommen werden, ohne dass sie vorher weiter aufgespalten werden müssen. Zweifachzucker (Disaccharide) müssen enzymatisch aufgespalten werden, damit sie aufgenommen werden können.

 

Stärke kommt im Gras und Heu nur in geringen Mengen vor und befindet sich vor allem in den Grassamen, wird das Heu geerntet wenn die Grassamen in der Milchreife sind, kann das zu einem Stärkegehalt im Heu von 1-2% führen. Stärke besteht aus Amylose und Amylopektin, diese bestehen aus mehreren tausend Glucosebausteinen, welche mit unterschiedlichen Verbindungen verknüpft sind. Damit Stärke im Dünndarm aufgenommen werden kann, muss diese in ihre Bausteine zerlegt werden, dazu braucht es Enzyme. Jedes Enzym kann nur ganz spezifische Verbindungen spalten.

 

Zucker und Stärke haben einen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel.

 

Fruktane sind lösliche Kohlenhydrate welche aus mehreren tausend Fruktoseeinheiten bestehen können. Für diese Verbindungen hat das Pferd kein Enzym um sie aufzuspalten, daher können Fruktane nicht im Dünndarm aufgenommen werden, und landen so im Dickdarm wo sie durch das Mikrobiom fermentiert werden. Nicht alle Dickdarmbewohner verwerten Fruktan. Laktatbildner und auch einige Hefen fermentieren Fruktan. Die Laktatbildner produzieren Milchsäure, wenn dies im Übermass produziert wird, führt das zu einem Absinken des pH-Werts, das führt zu Dysbiosen und kann in schlimmen Fällen zu einem Massensterben des Mikrobioms führen, dadurch werden Endotoxine freigesetzt, welche eine Hufrehe auslösen können.

 

Pektine sind nicht dünndarmverdaulich, sondern werden im Dickdarm fermentiert. Im Heu ist Pektin nur mit etwa 1-3% vorhanden, im Weidegras kann das 6-10% ausmachen. Jüngeres und Blattreiches Gras hat höhere Pektinwerte als langstieliges Gras. Pektin kann zu einem absinken des pH-Werts im Dickdarm führen, sollte daher nur in geringen Mengen aufgenommen werden.

 

Cellulose ist der Hauptbestandteil der Zellwand in Pflanzen und extrem wichtig für die Verdauung des Pferdes und ein gesundes Mikrobiom. Cellulose wird im Dickdarm fermentiert. Bei der Fermentation entstehen flüchtige Fettsäuren (hauptsächlich Proprionat, Butyrat und Acetat) diese können vom Pferd aufgenommen werden und dienen als Energielieferanten ohne den Blutzuckerspiegel zu beeinflussen. Bei der Fermentation entstehen zudem B-Vitamine, Vitamin K, essentielle Fettsäuren und essentielle Aminosäuren.

 

Lignin (Holzfaser) kann nicht verdaut werden und dient als Ballaststoff. Es kann jedoch helfen die Darmperistaltik zu regulieren.

 

Fruktan

 

Fruktan ist ein kurzfristiger Kohlenhydratspeicher. Fruktan ist im Gegesatz zu Zucker osmotisch inaktiv. Das schützt die Pflanze unter anderem vor Frost.  Wenn durch die Photosynthese viel Zucker gebildet wird, dieser aber nicht in Wachstum umgesetzt werden kann, wird der Zucker in Fruktan umgewandelt. Das passiert zum Beispiel wenn es zu kalt ist oder auch durch Trockenheit, Hitze und Verbiss/Vertritt. Wenn es Nachts unter 6-8° Grad ist, tagsüber über 8° und sonnig, sind die Fruktanwerte besonders hoch. Frost ist noch problematischer und führt zu noch höheren Werten. Wird es wärmer kann das Fruktan wieder in Wachstum umgesetzt und abgebaut werden.

Die niedrigsten Fruktanwerte findet man bei über 25° Grad. Darum ist der Fruktangehalt auch im Heu selten ein Problem, weil Heu normalerweise im Sommer bei schönem und warmem Wetter produziert wird.

Nicht alle Gräsersorten haben gleich viel Fruktan, Hochzuckergräser wie das Weidelgras/Raigras können extrem hohe Fruktanwerte bis zu 25% ausweisen.

 

Zucker

 

Mit den heute fast überall wachsenden Hochzuckergräsern hat sich der Zuckergehalt massiv erhöht und ist für viele Pferde problematisch geworden. Wo früher hauptsächlich die Weide das Problem war, ist heute auch das Heu vom Zuckergehalt auch oft so hoch, dass es zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Gerade bei Hufrehe reicht es selten einfach nur die Weide zu streichen, es sollte unbedingt überprüft werden wie viel Zucker im Heu ist.

 

Der Zuckergehalt im Gras verändert sich im Verlauf des Tages und mit dem Wetter. Ist es warm und sonnig kann die Pflanze Photosynthese machen und viel Zucker produzieren, der Zuckergehalt steigt so im Verlauf des Tages an und in der Nacht wird ein Teil des Zuckers in Wachstum umgesetzt. Bei Bewölktem Wetter kann die Pflanze weniger Zucker produzieren. Trockenheit und Hitze können verhindern, dass die Pflanze den Zucker in Wachstum umsetzen kann und so zu sehr hohen Werten führen. Bei Kälte wird Zucker in Fruktan umgewandelt und der Zuckergehalt reduziert sich. Man sieht also, die Verlaufskurve des Zuckers ist ganz anders als die von Fruktan!

 

Normale Pferde sollte im Heu weniger als 10% Zucker haben. Leichtfuttrige Pferde/Ponys oder Pferde mit Hufrehe noch weniger. Leider sind Werte zwischen 10-16% heute schon sehr gängig und Heu unter 10% zu finden, kann schon eine grosse Herausforderung darstellen. Was für einen Vollblüter kein Problem darstellt, kann bei einem Freiberger schon eine Hufrehe auslösen.

Da viele Pferde ganzjährig Heu mit höheren Zuckerwerten gefüttert bekommen, ist die Toleranz für die Weide im Frühling tiefer und es kann schneller zu Problemen kommen. Wo sich der Stoffwechsel früher im Winter noch erholen konnte, ist es jetzt häufig so, dass eigentlich immer zu viel Zucker da ist und das Pferd das irgendwie managen muss.

Die Heumenge zu reduzieren führt zu Problemen wie Stress, Aggressivität, Magengeschwüren, Kolikanfälligkeit und anderen Darmproblemen. Da Pferde ständig Magensäure produzieren sollten Fresspausen über 3-4 Stunden vermieden werden. Die Heumenge sollte 1.5kg/100kg Körpergewicht nicht unterschreiten, da dies sonst neben Dauerhunger zu Darmstörungen führt.

 

Es hat sich gezeigt, dass besonders Robust- und Barockrassen höhere Zuckergehalte grundsätzlich nicht vertragen und diese auch bei sehr geringen Futtermengen übergewichtig bleiben. Dennoch kann beobachtet werden dass, wenn der Zuckergehalt im Heu geringer ist, die Heumenge grösser und so die Kalorienmenge insgesamt höher ist, dass diese Pferde dann trotzdem abnehmen! Wie tief der Zuckergehalt im Heu dafür sein muss, ist von Pferd zu Pferd individuell und kann nicht an einer spezifischen Zahl festgemacht werden. 

 

Bewegung ist extrem wichtig, und doch kann nur ein gewisses Mass an Zuckerüberschuss abtrainiert werden. Selbst Reiter die tatsächlich mehrmals die Woche 2-3 Stunden reiten und dabei viel traben und galoppieren haben keine Chance wenn das Heu eine gewisse Menge Zucker überschreitet. Das kann bei Robust- und Barockrassen schon bei weniger als 10% der Fall sein.

 

Wer ein Selbstexperiment wagen möchte, kann sich mal ein paar Tage von Kuchen anstatt normalem Essen ernähren. Anfangs wird man sich über den Kuchen freue, doch satt fühlen wird schwierig und innerhalb einer normalen Kalorienmenge zu bleiben ebenso. 

 

Doch das ist genau das, was viele Pferde erleben. Sie werden sozusagen dauerhaft mit Kuchen gefüttert.

 

Heu waschen funktioniert tatsächlich, kann den aber auch nur etwa 30-50% des Zuckers rauswaschen, was bei sehr zuckerhaltigem Heu zu wenig sein kann. Natürlich hat Heu waschen andere negative Aspekte die nicht zu vernachlässigen sind. Ist meiner Erfahrung nach aber eine nicht zu unterschätzende Entlastung für den Stoffwechsel wenn es nötig ist.

 

Heute wird Insulin als einer der Hauptauslöser für Hufrehe angesehen und gerade die latent hohen Zuckerwerte im Heu und im Gras sind häufig Hauptursache für die Insulindysregulation und diese ist dann der Auslöser für die Hufrehe.

 

 

Hohe Zuckerwerte können die Gesundheit eines Pferdes massiv beeinflussen und sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

 

Für Menschen mit leichtfuttrigen Pferden kann die ganze Zuckergeschichte extrem belastend sein. Aber langsam, langsam steigt das Bewusstsein bei einigen Bauern, Heuproduzenten und Heuhändlern dafür wie wichtig Heu mit niedrigem Zuckergehalt für Pferde ist. Und es bleibt zu hoffen, dass es in Zukunft weiter verbreitet und einfacher zu bekommen ist.