Kalif lernte ich kennen als ich 19 Jahre alt war und in einem Reitstall gearbeitet habe. Das erste mal als ich ihn gesehen hatte, war ich zutiefst betroffen. Da stand er angebunden und hat die Wand angeschaut und war apathisch. Er hat mich komplett ignoriert. Ich habe mich zu ihm hingesetzt und gewartet, keine Reaktion, er stand weiterhin einfach da und starrte die Wand an. Als ich nach einer Weile aufgestanden bin und ihn berühren wollte hat er gezittert. Er war körperlich und psychisch in einem extrem schlechten Zustand. Er war da zur Ausbildung weil er mit Satteln explodiert ist. Die ganze Geschichte im Schnelldurchlauf: Das ganze hat darin geendet, dass er in die Metzg sollte, weil er Reiter runterbockte und ich ihn gekauft habe, weil ich dachte, dass er nie eine Chance hatte und ich eine Verbindung zu ihm fühlte.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung was mich erwartet und wie herausfordernd das Ganze für mich werden würde. Als er zu mir kam und die Weidesaison begann, wurde aus dem apathischen Pferd ein komplett durchgeknalltes Pferd. Vor über 20 Jahren war die Welt noch anders, wo es heute viele Leute gibt, die sich auf Horsemanship spezialisiert haben und wissen wie man mit solchen Pferden umgeht, war das dazumals noch wenig verbreitet. Ich stand also so ziemlich alleine da und musste lernen wie ich ihm helfen konnte.
Kalif hat einige Herausforderungen für mich mitgebracht, er war wild, er war willensstark und er hat gekämpft. Das wissen, wie stark er eigentlich ist, lässt mich nur erahnen, wie viel passiert sein muss, bis er so gebrochen war, wie ich ihn kennenlernte. Zu dem Zeitpunkt wollte er auch von mir nichts mehr wissen, er wollte einfach auf der Weide sein mit anderen Pferde und von Menschen in Ruhe gelassen werden.
Langsam wurden wir dann aber doch wieder Freunde und haben zusammengefunden, doch da waren einfach so viele Altlasten, es gab immer wieder Herausforderungen. Es gab Dinge die in ihm Panik auslösten, er ist schnell nervös und mag keine Veränderungen. Immer die Angst, dass seine Welt wieder zusammenbrechen würde. Dadurch habe ich begonnen mich mit dem Thema Trauma und Traumaheilung auseinader zusetzen.
Auch körperlich war es schwierig, da er einfach sehr auseinandergefallen war. Verbindung zwischen vorne und hinten zu haben, war eine riesige Herausforderung. Einen Rahmen zu haben war kaum möglich, da ich immer irgendein Körperteil verloren hatte.
Ich erinnere mich an die erste Stunde, die ich mit Susan Frehner hatte (Alexandertechnik), bei ihr war er plötzlich so viel stabiler als bei mir. Das war 2012. Das führte mir vor Augen, dass ich das Problem bin und ich wollte lernen. In der Alexandertechnik ging vieles um den Menschen in Beziehung zum Pferd und war mit sehr sehr viel Arbeit an mir selbst verbunden. Und das hat gewirkt. So vieles hat sich verändert. Die nächsten Jahre habe ich mich auf einen Deepdive in die Welt der Alexandertechnik gemacht, 2015 habe ich die Ausbildung zur Alexandertechniklehrerin begonnen. Kalif wurde zu meinem Spiegel. Auch für ihn war dieser Weg sehr heilsam und wir konnten viel von unserem alten Denken loslassen.
Ab 2019 habe ich begonnen regelmässig Unterricht in der akademischen Reitkunst zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt war Kalif schon 21 Jahre alt. Die Basis der Alexandertechnik hat mir die Grundlage gegeben, dass wir konstruktiv in das neue Thema einsteigen konnten. Die akademische Reitkunst war nicht einfach für Kalif und doch tut es ihm unglaublich gut, für seine körperlichen Schwierigkeiten. Gleichzeitig tut diese Arbeit ihm auch mental sehr gut, bringt sie ihn in Kontakt mit seinem Körper. Nach der Arbeit ist er immer deutlich ruhiger und mehr geerdet. Durch diese Arbeit haben wir auch auf körperlicher Ebene immer mehr Verbundenheit gefunden und diese auch in Lektionen mitnehmen können. 2026 mit 28 Jahren haben wir dann sogar die Bodenarbeits- und Longenprüfung in der akademischen Reitkunst bestanden.